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01.03.2017

Gedanken zur Fastenzeit

Heute am Aschermittwoch beginnt die diesjährige Fastenzeit: 7 Wochen bis Ostern. In diesen Wochen sind wir wieder eingeladen, den Blick auf unser Leben und unseren Alltag einmal aus einer anderen Perspektive zu wagen und  denjenigen Dingen mehr Beachtung zu schenken, die sonst gern „hinten runter“ fallen – und dafür dasjenige zu lassen, was unser Leben oft viel zu sehr einnimmt.

Zu diesen Dingen gehört beispielsweise die Zeit – sie ist das große Thema, dem die diesjährige Fastenaktion der Evangelischen Kirche in den nächsten Wochen ihre Aufmerksamkeit widmet (www.sieben-wochen-ohne.de). „Augenblick mal – sieben Wochen ohne sofort“ ist eine Einladung zur Entschleunigung an unser Leben, eine Ermutigung zum Innehalten mitten im geschäftigen Alltag, eine Aufforderung uns Zeit zu nehmen, gerade dann, wenn wir am wenigsten meinen, sie zu haben. Dabei ist Zeit nichts, was wir besitzen könnten – vielmehr ist sie uns geschenkt. Offen liegt sie vor uns, bereit, sich von uns füllen zu lassen. Kostbar ist sie, weil sie vergänglich ist. Es ist an uns, ihr Leben einzuhauchen und damit unseren Tagen und Stunden Sinn zu verleihen.

Im Alten Testament finden wir nachdenkliche Zeilen über die Zeit:
„Alles hat seine Zeit und jegliches Vorhaben unter dem Himmel seine Stunde.
Geborenwerden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit;
Pflanzen hat seine Zeit, Gepflanztes ausreißen hat seine Zeit.
Töten hat seine Zeit, Heilen hat seine Zeit;
Zerstören hat seine Zeit, Bauen hat seine Zeit.
Weinen hat seine Zeit, Lachen hat seine Zeit;
Klagen hat seine Zeit, Tanzen hat seine Zeit.
Suchen hat seine Zeit, Verlieren hat seine Zeit;
Behalten hat seine Zeit, Wegwerfen hat seine Zeit.
Zerreißen hat seine Zeit, Zunähen hat seine Zeit;
Schweigen hat seine Zeit, Reden hat seine Zeit.
Lieben hat seine Zeit, Hassen hat seine Zeit;
Krieg hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig;
man kann nichts dazutun noch wegtun.
Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen;
und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.“

Diese Verse erinnern uns daran, dass unsere Zeit nicht allein in unserer Hand liegt. Was uns geschieht, Werden und Vergehen, Ankommen und Abschied, liegt oft jenseits unserer Planung. Aber wir sind eingeladen, allem im Leben seine Zeit zu geben, wenn es an der Zeit ist.

Und wer ab und an einmal innehält, wer dem Moment Raum gibt, wer es sich gönnt, einfach einmal nichts zu tun, die Pausetaste zu drücken und durchzuatmen, der macht vielleicht im Alltag ganz neue Entdeckungen: das Lächeln des neben mir im Stau stehenden Fahrers. Die erste Knospe eines Schneeglöckchens, während ich an der Haltestelle einmal nicht aufs Handy schaue. Die zündende Idee, während ich beim Kaffee sitze und nachdenke. Die versöhnende zweite Chance nach dem Durchatmen im Streit. Die glänzenden Kinderaugen in der Schlange an der Kasse. Die neu gesammelte Kraft nach dem Moment der Stille. Der Trost eines Gebets. Der volle Klang der Stimme nach dem Schweigen. Lassen Sie sich einladen zu solchen Momenten kostbarer Zeit für mich selbst, für den anderen, für Gott.

Text: Johanna Stein